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Quelle: aerzteblatt.de
Quelle: aerzteblatt.de
06.09.2011 - Bund
Themengebiet: Gesundheit
Autor: MdB - Dr. Helge Braun
Interview mit Dr. med. Helge Braun, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung: „Mehr Medizinstudienplätze sind keine Lösung“

Gibt es in Deutschland zu wenig Ärzte? Nein, sagt Staatssekretär Helge Braun. Sie seien falsch verteilt. Anstatt die Zahl der Studienplätze weiter zu erhöhen, müsse man die Arbeit von Landärzten attraktiver machen.

Der Ärztemangel ist vielerorts bereits spürbar. Wieso bildet man nicht einfach mehr Medizinstudierende aus?

Braun: Ich glaube nicht, dass wir einen absoluten Ärztemangel haben. Wir haben vielmehr ein Verteilungsproblem, also einen relativen Mangel. Die Arbeit in der hausärztlichen Versorgung auf dem Land empfinden viele Ärzte als unattraktiv. Aus Befragungen wissen wir, dass sich nur sieben Prozent der Absolventen überhaupt vorstellen können, als Landarzt zu arbeiten. Wie viele Studenten müsste man zusätzlich ausbilden, um die Lücke zu schließen? Nein, ich denke, man muss es schaffen, die ärztliche Arbeit attraktiver zu machen. Mehr Medizinstudienplätze sind keine Lösung für den Ärztemangel in ländlichen Regionen.

Schon jetzt kommen vier Bewerber auf einen Platz. Was passiert, wenn die doppelten Abiturjahrgänge und der Wegfall der Wehrpflicht dazukommen?

Braun: Wegen der doppelten Abiturjahrgänge haben Bund und Länder den Hochschulpakt geschlossen, um insgesamt mehr Studienplätze zu schaffen. Für jeden zusätzlichen Studienanfänger – egal in welchem Fach – weist der Bund den Ländern 13 000 Euro zu. Bund und Länder garantieren bis zum Jahr 2015 rund 320 000 bis 335 000 zusätzliche Studienmöglichkeiten. Für die Medizin wurde vereinbart, dass die Länder keine Studienplätze abbauen. Das gilt auch für die neuen Bundesländer, obwohl wir hier einen Rückgang der Schulabgängerzahlen verzeichnen.


Die Zahl der Plätze bleibt also gleich?

Braun: Nein, wir werden tendenziell mehr Medizinstudienplätze haben. Da gibt es in dem Sinne keine Steuerung durch den Bund, aber alle Länder haben sich verpflichtet, die Kapazitäten bedarfsgerecht auszubauen. In der Medizin ist das natürlich viel aufwendiger als in anderen Fächern, weil es mit Laborkapazitäten zusammenhängt. Aber jeder zusätzliche Studienplatz wird im Rahmen des Hochschulpakts mitfinanziert. Wir wissen aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, dass die beiden Bundesländer die Studienplatzzahlen für Medizin moderat anheben. Das liegt in der Größenordnung von 100 zusätzlichen Plätzen pro Semester bis 2015.


Wird das reichen? Mit welchem Bedarf an Absolventen rechnen Sie?

Braun: Das ist ja genau die allererste Frage, die man klären muss: Welchen Bedarf an Ärzten haben wir in Zukunft? Und da habe ich mit großem Interesse auch die letzten Zahlen von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) gelesen. Die besagen, dass in den nächsten zehn Jahren etwa 72 000 Ärzte aus dem aktiven Dienst ausscheiden. Bei der Zahl der Absolventen sind unsere Erwartungen etwas positiver als die der KBV. Wir gehen – wie der Medizinische Fakultätentag – von etwa 10 000 Absolventen pro Jahr aus. Damit hätten wir mit Blick auf den Bedarf eine Reserve von rund 30 Prozent.


Was macht Sie so optimistisch?

Braun: Wir sehen derzeit, dass die Zahl der Absolventen steigt. Seit 2007 haben die Studierendenzahlen in der Medizin kontinuierlich zugenommen. Mit dem Hochschulpakt und den Initiativen der Länder können wir es schaffen, die Zahl der Absolventen dauerhaft über 10 000 zu halten. Das Statistische Bundesamt hat außerdem ermittelt, dass 95 Prozent derjenigen, die ein Medizinstudium beginnen, es auch abschließen. Das bedeutet: Die Medizin ist der Studiengang mit der höchsten Erfolgsquote überhaupt. Im Schnitt haben wir an den Universitäten eine Studienabbrecherquote von 20 bis 25 Prozent. Ein so effektiver Studiengang wie die Medizin ist schon sehr außergewöhnlich.


Spricht das für die Abiturnote als Auswahlkriterium?

Braun: Zumindest spricht es für das Zulassungsverfahren insgesamt. Das ist sehr erfolgreich. Es geht auch nicht nur nach der Abiturnote. 60 Prozent der Studienplätze können die Hochschulen nach ihren eigenen Kriterien vergeben. Die Hochschule, die ein anderes System als den NC wählt und damit bessere Ärztinnen und Ärzte ausbildet, ist dazu herzlich eingeladen.


So ganz frei sind die Hochschulen aber nicht. In manchen Ländern muss die Abiturnote ausschlaggebend sein. Sollte man das nicht ändern?

Braun: Ganz frei sind sie nicht, aber diese Länderregelungen fußen häufig auch auf Erfahrungen mit Klagen. Insofern spielt das Thema Rechtssicherheit bei der Vergabe von Studienplätzen eine große Rolle. Der Bund hat, was den Hochschulzugang angeht, keine Hürden auferlegt.

Über den Numerus clausus ist viel diskutiert worden. Im aktuellen Entwurf des Versorgungsstrukturgesetzes findet man dazu nichts mehr. Auch nicht zur Landarztquote. Begrüßen Sie das?

Braun: Eine Entscheidung über diese Dinge liegt in erster Linie in der Kompetenz der Länder. Das können Sie nicht einfach in ein Bundesgesetz schreiben, sondern es müsste zwischen Bundestag und Bundesrat einvernehmlich geregelt werden. Man muss sich immer fragen, ob solche Maßnahmen wirklich zielführend sind. Zum Beispiel die Landarztquote: Ich sehe es außerordentlich kritisch, wenn sich junge Menschen schon zu Beginn des Studiums auf eine spätere Berufstätigkeit festlegen sollen.


Aber wie kann man dafür sorgen, dass der Nachwuchs dorthin geht, wo er gebraucht wird?

Braun: Die Steuerungsmechanismen sollten nicht bei den Studenten ansetzen, sondern bei den Absolventen. Es muss um die ganz konkreten Berufschancen gehen. Das halten wir im Bundesbildungsministerium für erfolgversprechender. Wenn man sich die drei großen Absolventenbefragungen dazu ansieht, stellt man fest: 95 Prozent sind bereit, kurativ tätig zu werden. Dann bröckelt es aber an unterschiedlichen Fronten. Die einen gehen ins Ausland, wegen der tatsächlich oder vermeintlich besseren Arbeitsbedingungen. Dann haben wir den „Teilzeiteffekt“. Das heißt: Ärzte streben familienfreundlichere Arbeitsformen an, und der Frauenanteil steigt. Schließlich gibt es auch noch die Absolventen, die nicht in den kurativen Bereich gehen, sondern in andere Berufsfelder. An diesen Punkten müssen wir ansetzen.

Geht das Versorgungsstrukturgesetz in die richtige Richtung?

Braun: Aus meiner Sicht ja. Man muss die Verteilungsprobleme realistisch angehen. Dabei sind auch monetäre Anreize wichtig, außerdem eine bessere Bedarfsplanung und die Einbindung der Länder. Ich glaube, das alles ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Sollte man den Mangel kurzfristig durch ausländische Ärzte ausgleichen?

Braun: Das Bundesarbeitsministerium hat gerade die Vorrangprüfung für Ärzte ausgesetzt. Das heißt, der Zuzug ausländischer Ärzte ist jetzt erheblich erleichtert worden. Das führt – und das kann ich gut nachvollziehen – natürlich zu Diskussionen. Uns schreiben Eltern, die darüber klagen, dass ihr Sohn mit einem Abitur von 1,3 keinen Medizinstudienplatz bekommt, gleichzeitig aber der Zuzug ausländischer Ärzte erleichtert wird. Ich sage: Die Lücken durch ausländische Ärzte zu schließen, ist kurzfristig richtig. Auf mittlere und lange Sicht müssen die Absolventenzahlen und die Attraktivität aller Berufszweige und Regionen im Einklang mit der Nachfrage stehen.

Nach Deutschland kommen viele Osteuropäer, die Deutschen gehen gern in die Schweiz. Werden solche Wanderbewegungen zur Normalität?

Braun: In den letzten zehn Jahren sind 17 000 Ärzte aus Deutschland ins Ausland gegangen. In Europa sind Holland und Norwegen die beiden Länder, die im Verhältnis zu ihren Studienplätzen den höchsten Nettoimport von Ärzten haben. Darüber muss man diskutieren – auch wegen der hohen Kosten für Medizinstudienplätze. Und es ist die Frage, was mit dem beruflichen Umfeld von Ärzten nicht in Ordnung ist, wenn die Zahl derer, die ins Ausland gehen, so hoch ist.

Das Interview führten Dr. med. Birgit Hibbeler

und Heinz Stüwe.
(Quelle: aerzteblatt.de)

Schlagworte: BMBF, Dr. Helge Braun