WAHL­KAMPF CDU-Vor­sit­zen­de spricht vor 3500 Zu­hö­rern auf Brand­platz / Pfeif­kon­zert be­glei­tet 40-mi­nü­ti­ge Re­de

GIES­SEN . So ein we­nig er­in­nert es schon an den Emp­fang für ei­nen Pops­tar, als sich Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel am spä­ten Don­ners­tag­nach­mit­tag ih­ren Weg durch 3500 Be­su­cher bahnt. „Der gro­ße Mo­ment ist ge­kom­men“, sagt der Mo­de­ra­tor auf der Büh­ne, wäh­rend pom­pö­se Klän­ge die Bun­des­vor­sit­zen­de der CDU über den Brand­platz ge­lei­ten. Be­geis­ter­te An­hän­ger re­cken Schil­der in die Hö­he mit Auf­schrif­ten wie „Voll mut­ti­viert“ oder Lie­bes­be­kennt­nis­sen für die be­rühmt­e Rau­te. Na­tür­lich ist Mer­kel nicht al­lein. An ih­rer Sei­te sind un­ter an­de­rem Hes­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier, CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Pe­ter Tau­ber und der hei­mi­sche Wahl­kreis­kan­di­dat Hel­ge Braun.
„Ich freue mich, dass ich wie­der in Gie­ßen bin“, be­tont die Kanz­le­rin, wäh­rend die Zahl der Si­cher­heits­kräf­te an der Büh­ne deut­lich zu­nimmt. An­span­nung kann man in ih­ren Ge­sicht­ern le­sen, was viel­leicht mit dem Tril­ler­pfei­fen­kon­zert der Ge­gen­de­mons­tran­ten in et­was wei­te­rer Ent­fer­nung zu tun hat. Die CDU-Che­fin lässt sich in­des nicht ir­ri­tie­ren und blickt kurz auf ih­re letz­te Vi­si­te 2013 auf dem Schif­fen­berg zu­rück.
Es sei ein tol­les Bild „im his­to­ri­schen Her­zen un­se­rer Hei­mat­stadt“, be­grüßt Bouf­fier sei­ne Par­tei­vor­sit­zen­de of­fi­ziell mit Blick auf die Zu­hö­rer. Die Re­so­nanz zei­ge, dass es bei der Bun­des­tags­wahl am Sonn­tag um et­was ge­he – näm­lich um ei­ne Rich­tungs­ent­schei­dung. Un­ter an­de­rem mit dem Hin­weis auf die ge­rin­ge Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit im Land plä­diert Bouf­fier da­für, die ein­ge­schlag­ene po­li­ti­sche Rich­tung bei­zu­be­hal­ten. Da­bei gel­te es, zu in­ves­tie­ren und kei­ne neu­en Schul­den zu ma­chen. Ganz klar spricht sich der Lan­des­va­ter ge­gen po­pu­lis­ti­sche Scharf­ma­cher aus: „Wer Angst und Hass ver­brei­tet, spal­tet die Ge­sell­schaft und scha­det ihr da­mit.“
Und dann ist Mer­kel dran. Kon­zen­triert be­gibt sich die Bun­des­kanz­le­rin ans Red­ner­pult, un­ter den Zu­schau­ern wird es stil­ler – ab­ge­se­hen von den Pro­test­lern hin­ter der Ab­sper­rung. An den Fens­tern rund um den Brand­platz ste­hen die An­woh­ner und lau­schen, wäh­rend sich die Kanz­le­rin der so­zia­len Ge­rech­tig­keit wid­met: „Als er­stes müs­sen wir da­rü­ber re­den, wie wir Wohl­stand er­ar­bei­ten, dann da­rü­ber, wie wir zur Ge­rech­tig­keit kom­men. Bei­des ge­hört in der so­zia­len Markt­wirt­schaft zu­sam­men.“
Da­bei bleibt es je­doch nicht. An­ge­la Mer­kel holt zum po­li­ti­schen Rund­um­schlag aus, spricht von der For­schung, die da­rü­ber ent­schei­de, wo Deutsch­land in zehn Jah­ren ste­he, und dem not­wen­di­gen Di­sput über den ge­mein­sa­men Weg in der Ge­sell­schaft. Klar sei je­doch, dass sich Pro­ble­me nicht durch Tril­ler­pfei­fen oder Ge­brüll lös­ten. Es bleibt bei die­sem kur­zen Kom­men­tar der Kanz­le­rin zu den Ak­tio­nen der lauts­tar­ken Ge­gen­de­mons­tran­ten, von de­nen sich die Po­li­ti­ke­rin au­gen­schein­lich nicht beir­ren lässt. Mehr Ver­ständ­nis zeigt sie da­ge­gen für ei­nen fried­li­chen Pro­test von Um­welt­schüt­zern, un­ter an­de­rem zum Ab­gas­skan­dal. „Wir wol­len vom Ver­bren­nungs­mo­tor Schritt für Schritt zu ei­ner neu­en An­trieb­stech­no­lo­gie kom­men“, er­läu­tert die Par­tei­vor­sit­zen­de, die da­mit un­ter an­de­rem die Elek­tro­mo­bi­li­tät an­schnei­det und ei­nen Zeit­raum von fünf bis zehn Jah­ren skiz­ziert. Wie Bouf­fier for­dert auch Mer­kel, kei­ne neu­en Schul­den zu ma­chen. Und: „Wir wol­len in den näch­sten vier Jah­ren kei­ne Steu­ern er­hö­hen.“ Da­mit ver­fol­ge die Par­tei die Ab­sicht, In­ves­ti­tio­nen zu si­chern und klei­ne so­wie mitt­le­re Ein­kom­men zu ent­las­ten. Da­rü­ber hin­aus sol­le ab 2020 da­mit be­gon­nen wer­den, den So­li­da­ri­täts­zu­schlag ab­zu­bau­en.
Ein wei­te­res gro­ßes An­lie­gen sei es, die Bür­ger in die La­ge zu ver­set­zen, Ab­läu­fe und An­trä­ge in der Ver­wal­tung di­gi­tal er­le­di­gen zu kön­nen. Die Vor­aus­set­zun­gen, ein ent­spre­chen­des Bürg­er­por­tal um­zu­set­zen, sei­en ge­schaf­fen. Die Ver­bes­se­rung der Aus­rüs­tung und Aus­stat­tung der Po­li­zei, Di­gi­ta­li­sie­rung, In­teg­ra­ti­on, is­la­mis­ti­scher Ter­ror, Krie­ge un­ter an­de­rem in Sy­rien: In rund 40 Mi­nu­ten Re­de­zeit schlägt die Kanz­le­rin den gro­ßen Bo­gen, hält sich mit An­grif­fen auf die po­li­ti­schen Geg­ner je­doch zu­rück. Trotz­dem ist der Ju­bel am En­de der Re­de kräf­tig, be­vor es wei­ter­geht zum näch­sten Auf­tritt.

Gießener Anzeiger
Fotos: Erik Przybilla

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