Vom ewigen Kronprinzen zum Ministerpräsidenten, vom »schwarzen Sheriff« zum Landesvater, vom konservativen Bewahrer zum Architekt von Schwarz-Grün. Volker Bouffier hat in seinem politischen Leben schon einige Wandlungen vollzogen. Nun möchte er seinen Chefsessel in der hessischen Staatskanzlei noch einmal verteidigen. Ein Blick nach Gießen, Wiesbaden und Berlin.

Die heiße Phase des Wahlkampfs ist längst eingeläutet und Volker Bouffier ist in seinem Element: Hände schütteln, ein kurzer Plausch hier, ein gemeinsames Foto da. Fast mühelos absolviert der 66-jährige Gießener diese Zeit. So wirkt es jedenfalls. Begegnungen mit Menschen liegen ihm, dem Landesvater. Da kann er sie ausspielen, seine politische Erfahrung und nicht zuletzt seine Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen. Wahlkampf, das sei eine Bringschuld der Politiker gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, hat er einmal gesagt. »Wir werben wieder um Vertrauen ... darum müssen wir auch erklären, was wir vorhaben.« Nun geht er zum zweiten Mal als Titelverteidiger ins Rennen, zum zweiten Mal gegen SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel, der ebenfalls in der Universitätsstadt seine Wurzeln hat. Und – laut Prognosen – gegen Tarek Al-Wazir (Grüne).

Gießen: »Hier kenne ich jede Ecke«, sagt Bouffier über seine Heimatstadt, in der seine Familie seit Generationen nicht nur in der Kommunalpolitik fest verwurzelt ist. Vor ein paar Jahren habe seine Heimatzeitung, die »Gießener Allgemeine« aufgegriffen, dass er »als Pimpf Konrad Adenauer Blümchen überreichen durfte – so richtig mit Schildmütze«, erinnert er sich in einem Interview. Mit der Politik kommt er also schon früh in Berührung. Seine Passion ist aber erst einmal eine andere.

Begeisterter Sportler

Volker Bouffier ist seit frühester Kindheit Sportler. Als Feldhandballer und Basketballer ist er aktiv, große Erfolge feiert er mit den Korbjägern. Zweimal wird er mit den A-Jugend-Basketballern des MTV 1846 Gießen Deutscher Meister, spielt in der Jugendnationalmannschaft – der Traum vom Profi nimmt Gestalt an. Bis ein schwerer Autounfall auf dem Heimweg vom Skiurlaub in Österreich diesen Traum von einer auf die andere Sekunde beendet.
Geblieben ist sie aber, die Liebe zum Sport. Man sieht ihn als Zuschauer bei den Gießen 46ers in der Basketball-Bundesliga oder seit dieser Saison beim neu gegründeten FC Gießen, der dem Waldstadion neues Leben einhaucht.
Gern spricht er nicht über den Unfall und die zweijährige Leidenszeit, die sich anschloss. Gelassenheit und Geduld habe er gelernt, sagte er einmal dem Magazin »Cicero«. Und Standhaftigkeit. Nicht die schlechtesten Eigenschaften für einen Politiker. Und Bouffier, dessen Großvater einst die Gießener CDU mitbegründet hatte, stieg ein – und auf.
Der Jurist engagiert sich in der Jungen Union, deren Landesvorsitzender er viele Jahre ist, sitzt im Gießener Stadtparlament, im Kreistag und schließlich im Landtag für die CDU. Volker Bouffier ist ein Netzwerker. Ende der Siebzigerjahre organisiert er die »Tankstellen-Connection«, benannt nach dem Treffpunkt der jungen Politiker, der Autobahn-Raststätte Wetterau an der A5. Roland Koch, Franz-Josef Jung, Karlheinz Weimar oder eben Volker Bouffier – sie wollen die CDU modernisieren und sich gegenseitig unterstützen. Sein Name fällt auch, wenn die Sprache auf den legendären »Andenpakt« kommt. Gleiche Zielsetzung, diesmal auf Bundesebene. Die große politische Bühne betritt Bouffier im April 1999. Er wird unter Regierungschef Roland Koch Innenminister.
Wer so lange in der Politik arbeitet, der wird nicht selten mit Spitznamen belegt. In seiner Zeit als hessischer Innenminister wird er gerne »schwarzer Sheriff« genannt – als treuer Mitstreiter seines Dienstherrn Roland Koch setzte er sich in der Kriminalitätsbekämpfung für den Einsatz neuer Überwachungsmethoden ein, sprach sich für Rasterfahndung, Kennzeichenlesegeräte oder Telekommunikationsüberwachung aus. »Schwarzer Sheriff« – für die Opposition ein Schimpfwort, für Parteikollegen ein Lob. Denn er modernisiert den Polizeiapparat. Hessische Einsatzkräfte waren maßgeblich an der Festnahme der islamistischen »Sauerland-Gruppe« beteiligt.
Übrig bleiben aus dieser Zeit aber auch ungeklärte Fragen, die für politischen Wirbel sorgen. Unter anderem seine Rolle bei der Aufklärung des Kasseler NSU-Mordes war Thema im entsprechenden Untersuchungsausschusses, ebenso die juristisch umstrittene Berufung eines Parteifreunds zum Chef der Bereitschaftspolizei.
Lange Zeit sieht es so aus, als werde Bouffier nie den »Thron« in der hessischen Staatskanzlei besteigen, den Roland Koch so eisern verteidigt. Doch im Jahr 2010 die Wende: Koch tritt ab, Bouffier wird Ministerpräsident – die Krönung einer politischen Karriere.
Und Bouffier überrascht die Kritiker. Er versucht fortan, die Gräben zwischen den Parteien zuzuschütten, die sein Vorgänger ihm hinterlassen hatte. Er ruft im Parlament, das als eines der härtesten der Republik gilt, zu mehr Miteinander auf. Nicht zuletzt durch seinen integrativen Stil gelingt es ihm, nach den Landtagswahlen 2013 die erste schwarz-grüne Koalition in einem Flächenland auf die Beine zu stellen. Unter Roland Koch wäre so etwas wohl undenkbar gewesen. Plötzlich ist Bouffier der Modernisierer, der politische Vorreiter. Und es funktioniert. CDU und Grüne arbeiten weitgehend geräuschlos zusammen und der Regierungschef moderiert das ungewöhnliche Bündnis gemeinsam mit seinem »Vize« Tarek Al-Wazir. Bouffier kommt an mit seiner Art, zeigt sich volksnah, als jovialer Landesvater. Das tut er auch beim Besuch von Queen Elizabeth II. im Frankfurter Römer – und legt nach Berichten der ARD seinen Arm lässig auf die Stuhllehne der Königin. Der Protokollchef sah sich gemüßigt, dezent einzugreifen.
Volker Bouffier war und ist loyal – gegenüber Roland Koch und gegenüber Angela Merkel auch. Als mächtiger Landesfürst unterstützt er die Kanzlerin, springt ihr in schwierigen Debatten zur Seite. Das bringt ihm auch bundesweit Anerkennung in der Union ein. So viel, dass er im Lostopf ist, als ein Nachfolger für Joachim Gauck als Bundespräsident gesucht wird.
Am Ende wird es Frank-Walter Steinmeier (SPD). Womit aber trotzdem wieder der Bogen nach Gießen geschlagen wäre: Schließlich studierte der ehemalige Außenminister in der Universitätsstadt an der Lahn. Für den dreifachen Vater Volker Bouffier ist Gießen »meine Heimat, die mich in vielerlei Hinsicht geprägt hat«, sagt er. Hier ist er geboren, hier lebt er – und hier wird er auch wählen gehen am kommenden Sonntag. Gemeinsam mit seiner Frau Ursula. Und er wird wieder ganz in seinem Element sein: Hände schütteln, vielleicht einen Plausch mit den Wahlhelfern halten, ein Lächeln für die Kameras...
Gießener Allgemeine

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