Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner (CDU) leis­tet Wahl­kampf­hil­fe in Heu­chel­heim / Im ra­san­ten Tem­po durch The­men­viel­falt

In Zei­ten, in de­nen über das En­de der Kanz­ler­schaft Mer­kel spe­ku­liert wird, rich­tet die Öf­fent­lich­keit ganz ge­nau den Blick auf die­je­ni­gen, die sich als po­ten­ziel­le Nach­fol­ger an­bie­ten. Zu die­ser Grup­pe ge­hört auch Ju­lia Klöck­ner, die Mi­nis­te­rin für Land­wirt­schaft und Er­näh­rung. Und wie so et­was aus­sieht, wenn ei­ne Mi­nis­te­rin für 75 Mi­nu­ten Ein­zug auf ei­nem Bau­ern­hof in Heu­chel­heim hält, um über ih­re The­men zu re­den und auch ein biss­chen Wahl­kampf zu ma­chen – das woll­ten sich am Mon­tag­nach­mit­tag zahl­rei­che CDU-Mit­glie­der und -An­hän­ger nicht ent­ge­hen las­sen und wa­ren zum Hof der Fa­mi­lie Klug ge­kom­men.
Kurz nach 16 Uhr, dunk­le Li­mou­si­nen fah­ren vor, Ju­lia Klöck­ner im dun­kel­blau­en Cord-Ho­sen­an­zug steigt aus. Sich die Bio­gas­an­la­ge an­zu­schau­en, die Hans und Thors­ten Klug seit 2013 be­trei­ben, wä­re ei­ne Op­ti­on. Doch statt­des­sen geht es zu­sam­men mit Kanz­ler­amt­schef Pro­fes­sor Hel­ge Braun, dem Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Klaus-Pe­ter Möl­ler und der stell­ver­tre­ten­den CDU-Kreis­vor­sit­zen­den Chris­tel Gon­trum in den Kuh­stall. Klöck­ner zeigt sich pro­fes­sio­nell und in­te­res­siert, fragt die bei­den Land­wir­te nach dem Milch­preis, dem Ver­hält­nis zur Mol­ke­rei und zur Di­gi­ta­li­sie­rung. Doch die Zeit drängt. „Wir müs­sen wei­ter“, drängt Chris­tel Gon­trum sanft.
Als die 45-jäh­ri­ge Mi­nis­te­rin an dem Zelt an­kommt, an dem die Bür­ger war­ten, bran­det Ap­plaus auf. Klöck­ner lä­chelt, be­grüßt, schüt­telt Hän­de. Braun greift zur ganz gro­ßen Schmei­che­lei: „Sie ist die wich­tigs­te Mi­nis­te­rin im Ka­bi­nett.“ Da sie für den länd­li­chen Raum zu­stän­dig sei, be­tref­fe dies die Hälf­te der Be­völ­ke­rung. Den et­was un­ge­len­ken Ver­such ei­nes Kom­pli­ments biegt er un­ter an­de­rem da­mit ge­ra­de, dass er die Rhein­land-Pfäl­ze­rin als „Aus­hän­ge­schild der CDU“ be­zeich­net.
Die so Ge­wür­dig­te hält dann aus dem Steh­greif ei­ne Re­de, die sie wahr­schein­lich schon oft ge­hal­ten hat. Klöck­ner streift kurz ih­re Her­kunft von ei­nem Bau­ern­hof und be­klagt mit Blick auf das Ern­te­dank­fest, dass die Men­schen die Dank­bar­keit für all die Le­bens­mit­tel ein biss­chen ver­lo­ren hät­ten. „Man spürt qua­si nix von der Dür­re im Som­mer, aber vor 100 Jah­ren hät­te es ei­ne Hun­gers­not ge­ge­ben.“ Da­zu passt der Aspekt, dass je­der Bür­ger jähr­lich 55 Ki­lo Le­bens­mit­tel weg­wer­fe. Viel­leicht ha­be dies mit ei­ner zu ge­rin­gen Wert­schät­zung zu tun an­ge­sichts von sehr bil­li­gen Le­bens­mit­teln („15 Cent pro 100 Gramm Hähn­chen­schen­kel fin­de ich un­ans­tän­dig“).
Im ra­san­ten Tem­po geht es ein­mal quer durch die The­men­welt ih­res Mi­nis­te­ri­ums. Zu den Kri­ti­kern der Bau­ern sagt sie, dass es ganz oh­ne Pflan­zen­schutz­mit­tel nicht ge­he. Die Bau­ern for­dert sie auf, sich den Kri­ti­kern zu stel­len und mit Ar­gu­men­ten zu über­zeu­gen. Na­tur­schutz und Land­wirt­schaft müs­se man mit­ein­an­der ver­söh­nen, for­dert die Mi­nis­te­rin, die zwi­schen­durch Scher­ze und Lob für Mi­nis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier („macht ef­fek­tiv und ge­räusch­los Po­li­tik“) gleich­er­ma­ßen ein­streut.
Dann dürf­ten die Bür­ger Fra­gen stel­len. Ei­ne Frau er­kun­digt sich nach ei­ner Zu­cker­steu­er und der Le­bens­mit­tel­am­pel, bei der Zu­cker-, Salz- und Fett­ge­halt mit den drei Am­pel­far­ben dar­ge­stellt wer­den. Klöck­ner will die­se Form der Kenn­zeich­nung nicht, be­klagt aber zu­nächst den Zu­cker­ge­halt in Früh­stück­sce­rea­lien und kün­digt an, dass sie Zu­cker in Ba­by-Tees ver­bie­ten will. Aber: „Ei­ne Ma­xi­mal­gren­ze für Zu­cker und Fett ist dum­mes Zeug, denn wir ma­chen nicht die Re­zep­te. Der Kun­de soll die Wahl ha­ben.“
Ei­ne an­de­re Frau ver­weist auf die Zu­cker­steu­er in Eng­land, doch die Mi­nis­te­rin bleibt un­ge­rührt. Es ge­be kei­nen Be­weis, dass die eng­li­schen Kin­der we­ni­ger über­ge­wich­tig sei­en. Man brau­che ei­ne „In­no­va­ti­ons­stra­te­gie“. Des­halb ha­be sie ei­ne Ver­ein­ba­rung mit Ge­trän­ke­her­stel­lern ge­schlos­sen, wie die den Zu­cker­ge­halt re­du­zie­ren. „Die Steu­er ist fürs Schau­fens­ter.“
Es gibt wei­te­re Fra­gen, doch ir­gend­wann ist die Zeit um und die Mi­nis­te­rin muss sich auf den Weg nach Darm­stadt ma­chen. Möl­ler be­dankt sich mit ei­nem Hals­tuch für die Wahl­kampf­un­ter­stüt­zung, es gibt Ap­plaus und dann ver­schwin­det Ju­lia Klöck­ner in ih­rer dunk­len Li­mou­si­ne. „Viel­leicht se­hen wir sie hier ir­gend­wann als Kanz­le­rin wie­der“, meint ein alt­ge­dien­ter CDU-Mann.

Gießener Anzeiger

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