Ambulante Pflegekräfte stehen unter Zeitdruck und kämpfen mit großem bürokratischen Aufwand. Die AWO geht hier mit AOK und THM neue Wege: Sie hat ein Projekt zur Digitalisierung gestartet.

Wenn Claudia Andes ihren Patienten bei der Körperpflege geholfen, ihnen den Blutdruck gemessen und die Kompressionsstrümpfe angezogen hat, muss sie jeden Schritt inklusive An- und Abfahrt genau dokumentieren. Sie tippt die Infos in ihr Smartphone, später im Büro wird der ganze Vorgang am PC synchronisiert; die papierlose Übermittlung der Daten in die Betriebssysteme von AWO und AOK funktioniert innerhalb von Sekunden.

Was in der Wirtschaft schon längst Alltag ist, kommt im Dienstleistungssektor erst ganz langsam in Gang, erläuterte AWO-Geschäftsführer Jens Dapper bei der Vorstellung des Digitalisierungs-Projektes. Weil die Situation sowohl für Mitarbeiter als auch für Kunden in der ambulanten Pflege unbefriedigend ist, hat die Arbeiterwohlfahrt vor eineinhalb Jahren Gas gegeben. Gemeinsam mit der Technischen Hochschule Mittelhessen und der AOK Hessen wurde ein Programm entwickelt, das zukunftsweisend für die gesamte Branche sein könnte, wenn es sich bewährt.
Und danach sieht es aus. Andes und ihre 15 Kolleginnen haben das neue Programm in den vergangenen Monaten getestet. Nach anfänglicher Skepsis lautet das Urteil der Leiterin der Sozialen Dienste: »Der lästige Papierkrieg entfällt, wir sparen Zeit«. Ihre Hoffnung ist es, dass das Pilotprojekt Schule macht. Denn bisher können nur die Versicherten der AOK, die sich an dem Pilotprojekt beteiligt, auf digitale Weise verarbeitet werden. Bei allen anderen ist es nach wie vor notwendig, alle Vorgänge und Notizen per Hand zu übertragen. Diese doppelte Abrechnungsdokumentation führt dazu, dass Zeit vergeudet wird, die den Patienten zugute kommen könnte. Die Hoffnung der Pflege-Fachfrau ist begründet. Denn Kanzleramtsminister Helge Braun bedankte sich beim offiziellen Projektstart bei den Initiatoren und beglückwünschte sie zu ihrem Pioniergeist: »Ich finde es großartig, wenn sich kompetente Partner zusammentun und mutig loslegen«.
Er erinnerte daran, dass die Bundesregierung für die Pflege erhebliche Mittel bereit stelle; auch die Digitalisierung des Gesundheitswesens sei ein dringendes Anliegen mit hoher Priorität. Daher begrüße er das digitale »Schnellboot« aus Gießen und versprach ebenso wie MdL Klaus Peter Möller beim Ortstermin, sich über den Fortgang auf dem Laufenden zu halten.

Ziel: Mitarbeiterzufriedenheit
Der papierlose Datentransfer birgt aber nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Transparenz ist erwünscht und ermöglicht die Optimierung von Arbeitsabläufen. Missbrauch und Betrug können verhindert werden. Was aber ist, wenn die Mitarbeiter sich durch digitale Prozesse nicht unterstützt, sondern kontrolliert oder überfordert fühlen? Hier gelte es, im Gespräch zu bleiben und die Balance zu halten, verdeutlichte Dapper. »Unser Ziel ist die Mitarbeiterzufriedenheit«. In Zeiten von Pflegenotstand und Fachkräftemangel sei ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Pflegekräften unerlässlich.
Bei dem großen Schritt in die digitale Welt wird die Arbeiterwohlfahrt – wie schon bei anderen Projekten – von der Technischen Hochschule Mittelhessen begleitet. Prof. Thomas Friedl und sein Team schaffen technische Lösungen, um eine breite Anbindung verschiedener Gesundheitsdienstleister möglich zu machen. Die AOK Hessen als größte Krankenkasse ist mit im Boot, weil sie in dem Projekt eine große Chance erkennt: »Gemeinsam kommen wir ein gutes Stück voran«, freute sich Robert Ringer. Unterschiedliche Interessen in Politik und Verbänden, Datenschutz, rechtliche Rahmenbedingungen – all das müsse bei der Erarbeitung eines solchen Modellprojekts berücksichtigt werden.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag