Awo Gießen, AOK Hessen und THM treiben Digitalisierung in ambulanter Pflege voran / Ziel: Bundesweite Ausweitung

Im Oktober vergangenen Jahres fiel der Startschuss für ein gemeinsames Projekt der Awo Gießen, der AOK Hessen und der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) zur Digitalisierung der ambulanten Pflege. Nun trafen sich die Akteure, um über den aktuellen Stand und die weitere Entwicklung zu berichten. Mit dabei: Kanzleramtsminister Helge Braun.
Schon lange klagen viele Pflegedienste, dass ihnen wegen der Dokumentation weniger Zeit für die eigentliche Pflegetätigkeit bleibt. Mit dem Projekt wollen die Akteure die Digitalisierung in die ambulante Pflege bringen und damit Dokumentation und Abrechnung entbürokratisieren. Jens Dapper, Geschäftsführer der Awo Gießen, zeigte sich am Freitag zufrieden mit dem bisherigen Fortschritt des Projekts. „Wir sind die einzigen in Deutschland, die es geschafft haben, die digitale Abrechnung zu implementieren“, sagte er. Auch bei der Dokumentation gebe es Erfolge, die zu einer Entlastung der Mitarbeiter führten.
Wie das im Pflegealltag aussieht, erklärte Claudia Andes, Leiterin des Mobilen Dienstes der Awo Gießen: Die Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes sprechen das, was sie sonst notieren müssten, in ein zur Verfügung gestelltes Smartphone. Die Sprachaufnahmen werden dann automatisch in einen Text transkribiert und später binnen Sekunden mit dem System der Awo synchronisiert. Eine große Arbeitserleichterung, sagt Andes. „Die Kolleginnen sind auch begeistert.“ Denn dadurch bleibe mehr Zeit für die eigentliche Pflegearbeit.
In einem weiteren Schritt soll der Austausch zwischen der Krankenkasse, dem Kunden und dem Pflegedienst verbessert werden. Elektronische Verordnungen und auch die Weiterentwicklung der Abrechnung seien aktuell ein Thema, so Dapper. Der gesamte Prozess soll nach Vorstellung der Projektbeteiligten bis zum kommenden Jahr ganz ohne Medienbruch funktionieren. Durch die Minimierung der Verwaltungszeiten und den Wegfall des Postweges könnten dann ärztliche Verordnungen binnen kürzester Zeit zur Genehmigung an die Krankenkasse übermittelt werden. Gleichzeitig soll das Programm auch mehr Transparenz gewährleisten und Abrechnungsbetrug aufdecken – zum Beispiel, indem es Alarm schlägt, wenn es unschlüssige Angaben feststellt, wie Prof. Thomas Friedl von der THM erklärte. Er begleitet gemeinsam mit seinem Team das Projekt.
Ein weiteres perspektivisches Ziel der Projektbeteiligten ist die hessen- oder gar bundesweite Öffnung für andere Krankenkassen und Pflegedienste. Awo-Geschäftsführer Dapper wünscht sich von der Politik zudem die Einführung eines digitales Pflegeregisters. Ein entsprechendes Papier wollen die Projektpartner gemeinsam ausarbeiten und an Kanzleramtsminister Helge Braun übergeben.
Der CDU-Politiker begrüßte das Gießener Projekt. „Die Digitalisierung in der Pflege ist ein hochspannendes Thema“, sagte er. Es gebe in der Bevölkerung eine große Unzufriedenheit, da viele das Gefühl hätten, dass es in Sachen Digitalisierung nicht schnell genug vorangehe. Oftmals würden Projekte an Kleinigkeiten in der Umsetzung scheitern. Umso erfreulicher sei es, dass es Projekte wie diese gebe, die beispielhaft vorangehen.
„Wir sind froh, dass wir eine Projektmannschaft haben, die den Mut hat, diese Anstrengung voranzutreiben“, sagte Awo-Geschäftsführer Dapper. Er hofft, dass für das Projekt bald auch Fördergelder zur Verfügung gestellt werden. „Denn bislang machen wir das sozusagen ehrenamtlich.“

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