ZU­SCHAU­ER­STIM­MEN Der Auf­tritt der Kanz­le­rin lockt die un­ter­schied­lich­sten Men­schen auf den Brand­platz

GIES­SEN (ib). Die wei­tes­te An­rei­se zur Kanz­le­rin hat mit Si­cher­heit Bran­don Nor­ton. Der 24-jäh­ri­ge Theo­lo­gies­tu­dent ist ge­kom­men, um „die Füh­re­rin der frei­en Welt“ ein­mal per­sön­lich zu se­hen. Ja ist die­ser Pos­ten denn nicht für den US-Prä­si­den­ten re­ser­viert? Nor­ton schüt­telt sich vor La­chen: „Are you kid­ding? Wir ha­ben doch bloß Trump!“
„Ich bin hier, weil ich mich für Po­li­tik im All­ge­mei­nen in­te­res­sie­re und ich Mer­kel we­gen ih­rer mensch­li­chen Po­li­tik mag“, er­klärt die 25-jäh­ri­ge Stu­den­tin Al­ha­ge Bar­koth-It­ti­had. Die jun­ge Frau mit dem pink­far­be­nen Hi­jab ist vor zwei Jah­ren aus ih­rer sy­ri­schen Hei­mat ge­flo­hen. Heu­te stu­diert sie an der Fach­hoch­schu­le Gie­ßen En­er­gie­tech­nik mit Schwer­punkt Er­neu­er­ba­re En­er­gien.
Die 61 Jah­re al­te Rent­ne­rin Eli­sa­beth Ka­ruß hat ein ganz ein­fa­cher Wunsch di­rekt vor das Ab­sperr­git­ter ge­bracht, das die „Er­ste Klas­se“ der Be­su­cher von der Zwei­ten trennt: „Ich woll­te mal wis­sen, was für ein Ja­ckett die An­ge­la heu­te an hat.“ Den gu­ten Platz ganz vor­ne am Ab­sperr­git­ter hat sie mit ei­ner blu­ten­den Fleisch­wun­de am Sprung­ge­lenk be­zahlt. „Da ist mir ein CDU-Po­li­ti­ker drauf­ge­tre­ten, aber der hat mir ver­spro­chen, dass er es wie­der gut macht.“ Macht er dann auch. Frau Ka­ruß darf kurz da­rauf in den VIP-Be­reich di­rekt vor der Büh­ne und dort se­hen, dass die Kanz­le­rin heu­te das blaue Ja­ckett trägt.
We­ni­ger ge­sprä­chig ist der Herr vom schwar­zen Block, der mit In­brunst und Aus­dau­er in sei­ne Tril­ler­pfei­fe bläst, an­sons­ten aber zu kei­nem Ge­spräch mit der „Sys­tem­pres­se“ be­reit ist. Sei­ne nicht min­der fins­ter ge­wan­de­te Co-Pfei­fe lässt sich zu­min­dest ent­lo­cken, dass sie aus der nä­he­ren Um­ge­bung kommt. Das könn­te al­ler­dings auch Fa­ke News sein.
Ein an­de­rer Mann, der der Kanz­le­rin sein Pro­test­pla­kat ent­ge­gen­streckt, kommt da­ge­gen aus der Ra­be­nau. „Kein Land in der Welt macht das, was wir ma­chen. Da krie­gen Men­schen aus der gan­zen Welt, die bloß über un­se­re Gren­ze ge­kom­men sind, ge­nau­so viel Geld wie ein Ar­beits­lo­ser, der sein Le­ben lang ge­ar­bei­tet hat. Ist das ge­recht?“, fragt Walt­her Kers­ten, der selbst ar­beits­los ist. „Ich kom­me mit mei­nem Geld aber klar, weil ich bloß in ei­nem Wohn­wa­gen le­be. Al­so wün­schen Sie mir mal ei­nen mil­den Win­ter.“
Bes­ser kommt die Kanz­le­rin bei Ruth Groß an. „Sie kommt sehr aut­hen­tisch rü­ber“, meint die 51-jäh­ri­ge Haus­frau, die ex­tra aus Mar­burg ge­kom­men ist. Der zwei Jah­re jün­ge­re Mat­hi­as Bert­ram sieht das ähn­lich, will Mer­kel aber den­noch nicht wäh­len: „Sie ist ja in Ord­nung, aber we­gen sol­chen Ty­pen wie dem Tau­ber, der Bil­lig­löh­ner ver­spot­tet, kann ich nicht CDU wäh­len.“

Gießener Anzeiger
Fotos: Erik Przybilla

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