Gießen (-) Zu einer Exkursion durch den botanischen Garten Gießens konnte der Vorsitzende, Prof. Dr. Klaus Kramer, knapp 50 Mitglieder und Freunde der CDU-Senioren-Union begrüßen. Zunächst traf man sich bei Kaffee und Kuchen in der sog. „Gut Stubb“ von Gießen auf dem Anwesen der Familie Dittrich in der Sonnenstraße. Hans und Inge Dittrich hatten das Anwesen im Zuge der Innenstadtsanierung 1971 neu gestaltet, nachdem es im Dezember 1944 zerstört und 1960 wieder aufgebaut worden war. Das ehemalige „Haus Weisel“ war als Weinhandlung Anfang des 17. Jahrhunderts als Fachwerkhaus an der Sonnenstraße errichtet worden. Dort wurde am 21. 10. 1807 Ludwig Rudolf Oeser geboren, der unter dem Namen Otto Glaubrecht als Volksschriftsteller große Bekanntheit erreichte. Eine ausgezeichnete Darstellungsgabe,  genaue Kenntnis des menschlichen Herzens und des Volks- und namentlich des Landlebens, seiner Sitten und Sprichwort reichen Sprache und sonstiger Eigentümlichkeiten selbst mit ihren leicht ausartenden Derbheiten und zu dem Allen viel Witz und köstlicher Humor, verbunden mit echt evangelischer Frömmigkeit und einer durchaus deutschen Gesinnung sind die Vorzüge, welche alle seine Schriften im 19. Jahrhundert mit Recht als beliebt und gern gelesen auszeichneten. Die Bezeichnung „Gut Stubb“ für den lauschigen Innenhof des Hauses Dittrich geht auf den langjährigen Stadtverordnetenvorsteher und Landtagspräsidenten Klaus Peter Möller zurück. Er war dort, ebenso wie der jetzige Ministerpräsident Volker Bouffier häufig zu Gast, wenn die Junge Union dort ihr Oktoberfest feierte.

Es waren drei Mitglieder der Jungen Union, die eine Abbildung der Stiftungsurkunde mit dem dazugehörigen lateinischen Text präsentierten. Zu diesem Zweck hatte Senioren-Unionsmitglied Schneidermeister Hilmar Neumann (Lich) drei historische Postuniformjacken aus seinem Fundus mitgebracht. Er hatte sie – wie manch andere historische Kostüme - nach Bildvorlagen geschneidert. Den lateinischen Text deklamierte V. Bouffier jr. und Holger Laake, der technische Leiter des Botanischen Gartens, lieferte zu Beginn seiner Ausführungen über den einstigen Hortus Medicus die deutsche Übersetzung. Ludovicus Jungermann Lipsensis horti medici profectus. Eodem Anno 1609 mense Februario Clementi concessione Illustrissimi principis coepit fieri initerini Horti Medicini Giessae post acrem. Cui instruendo plenii et novi excolendo, ad venim alterum annium quotannis 50 Talerorum Imperialium stipendo praefectus est Dominus Ludovicus Jungermannus Lipsensis rei Botanicae gnosissimi. – Ludwig Jungermann aus Leipzig, Aufseher des Hortus Medicus. Begonnen hat im Februar dieses Jahres 1609 durch gnädige Gewährung des höchst illustren Fürsten die Einrichtung eines Hortus Medicus in Gießen hinter dem Bogen. Für  dessen vollständige Aufsicht und Neukultur wurde der in der Botanik äußerst kenntnisreiche Herr Ludwig Jungermann aus Leipzig mit einer Besoldung von jährlich 50 Reichstalern bestellt.

Laake ging danach auf die Entstehung und Besonderheiten des ältesten, noch an seinem ursprünglichen Platz befindlichen Botanischen Garten Deutschlands ein. Er war zwei Jahre nach Gründung der Universität Gießen von Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt der medizinischen Fakultät zur Verfügung gestellt worden. Die Einrichtung eines Heilpflanzen-gartens, „Hortus Medicus“  gehörte ab dem späten 16. Jahrhundert traditionell zur Ausstattung einer Medizinischen Fakultät und hatte in den kommenden Jahrhunderten eine durchaus wechselvolle Geschichte. Um 1704 wurde das erste Gewächshaus in Betrieb genommen, welches 1734 wieder abgerissen und 1740 durch ersetzt wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Garten bereits deutlich vergrößert worden. Pflege, Aufsicht, Finanzierung und Gestaltung des „Hortus academicus“  waren in den nachfolgenden Jahrzehnten oftmals Anlass für Auseinandersetzungen zwischen Universität und Landesherrn. Ab 1766 wurde die Bezeichnung „Botanischer Garten“ verwendet. Durch landgräfliche Verfügung erhielt die Universität 1800 in unmittelbarer Nachbarschaft den fürstlichen Amtsgarten zum Geschenk, welcher mit ca 10.000 qm als Forstbotanischer Garten Verwendung finden sollte. Nach der Schleifung der Wallanlagen und weiterer Arrondierung wurden 1824 der Botanische mit dem Forstbotanischen Garten zusammengelegt und erhielt mit insgesamt 27.000 qm seine heutige Größe. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde unter dem damaligen Leiter, Prof. Heinrich Karl Hoffmann, der Botanische Garten für die Stadtbevölkerung geöffnet, die dieses Angebot seither gern nutzt. Während des 1. Weltkrieges wurde der Botanische Garten für den Anbau von Kartoffeln, Gemüse und Obst zweckentfremdet. Nach 1920 übernahm Prof. Ernst Küster die Leitung. In dem im Mai 1935 in Betrieb genommenen sog. Kalthaus  als repräsentativen Veranstaltungsort wurde noch vor dem 2. Weltkrieg die Tradition der Sommerkonzerte im Botanischen Garten begründet. Nach dem Krieg gestaltete sich die Wiederherstellung des stark beschädigten Botanischen Gartens sehr schwierig. Das zerstörte wunderschöne Überwinterungshaus wieder aufzubauen ist bis heute ein Wunsch vieler Gießenerinnen und Gießener, der seiner Verwirklichung harrt. Dennoch ist der Botanische Garten im Herzen Gießens ein vielgeliebter und hoch geschätzter Schatz nicht nur in der Bürgerschaft sondern auch bei Wissenschaftlern und Studenten.

Beim anschließenden Rundgang erläuterte Holger Laake das heutige Konzept, das mit einem großen Team gestaltet und unterhalten wird. So konnten die Besucher  viele große alte Bäume bewundern, von denen einige noch aus der Zeit der Anlage des forstbotanischen Gartens stammen, ebenso wie die Vielfalt der Hochgebirgsflora. Sie erfuhren unter anderem, dass das allseits bekannte Edelweiß mitnichten eine original Alpenpflanze sei, sondern mit vielen Unterarten aus dem Himalaya Gebirge stammte. Ein blindengerecht gestalteter Duft- und Tastgarten gehört seit 2006  zu den Neuerungen genauso  wie der 2009 eröffnete „Darwin-Pfad“. Dieser stärkt das nationale und internationale Ansehen des universitären Gartens, dessen Profil vom einstigen „Hortus medicus“ über den „Hortus academicus“ und den Botanischen Garten bis zum heutigen  „Garten der Evolution“ reicht.

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