GIES­SEN (ebp). Rund fünf Wo­chen vor der Bun­des­tags­wahl ist der Wahl­kampf in vol­lem Gan­ge. Da­von zeu­gen nicht nur die mit Wahl­pla­ka­ten zu­ge­pflas­ter­ten Stra­ßen­zü­ge, son­dern auch die Be­su­che von Bun­des­po­li­ti­kern in der Stadt. Zwei Ta­ge, nach­dem Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) im „Haw­werk­as­ten“ ein­ge­kehrt war, folg­te nun CDU-Po­li­ti­ker Hel­ge Braun, Staats­mi­nis­ter im Kanz­ler­amt, ei­ner Ein­la­dung der Tür­kisch-Deut­schen Ge­sund­heits­stif­tung.
„Wir sind nicht nur Zu­schau­er, wir le­ben hier“, sag­te der Vor­sit­zen­de Ya­sar Bil­gin, Mit­glied im Lan­des­vor­stand der hes­si­schen CDU, in sei­nem Be­grü­ßungs­sta­te­ment. „Und wenn man in Deutsch­land lebt, muss man mit­wir­ken“ – das ta­ten die rund 30 Gäs­te im Ho­tel Köh­ler dann auch. Bei ei­nem ge­mein­sa­men Früh­stück ging es so­wohl um klas­si­sche Wahl­kampf­the­men der CDU, wie die in­ne­re Si­cher­heit, aber auch im­mer wie­der um die Fra­ge der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft. Das Ver­er­ben von zwei Päs­sen über meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg sol­le nicht die Re­gel wer­den, be­ton­te Braun. Dop­pel­te Staats­bür­ger­schaf­ten wür­den dann Sinn ma­chen, wenn man tat­säch­lich mit bei­den Län­dern tief ver­wur­zelt sei, aber nicht, wenn ei­ne Fa­mi­lie be­reits über meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen in Deutsch­land le­be. Der ge­bür­ti­ge Gie­ße­ner mach­te auch kei­nen Hehl da­raus, dass die Uni­on die der­zei­ti­ge Re­ge­lung zum Dop­pel­pass am liebs­ten kip­pen wür­de: „Da­für tre­ten wir ein, das soll­ten Sie wis­sen.“ Auch sol­le wei­ter­hin gel­ten, „dass wer wäh­len will, die deut­sche Staats­bür­ger­schaft ha­ben muss“.
Mit Blick auf die Span­nun­gen im deutsch-tür­ki­schen Ver­hält­nis mahn­te Braun, kei­ne Fron­ten zwi­schen den Be­völ­ke­run­gen zu­zu­las­sen. Im po­li­ti­schen Kon­flikt sei es aber vor al­lem die Ge­gen­sei­te, die rhe­to­risch „ab­rüs­ten“ müs­se: „An­ge­la Mer­kel hat kein Öl ins Feu­er ge­gos­sen“, son­dern ha­be maß­voll rea­giert. Auch wenn sich die CDU da­her aus Tei­len der Be­völ­ke­rung mit Vor­wür­fen kon­fron­tiert ge­se­hen ha­be, sie ge­he zu sanft mit Prä­si­dent Re­cep Tayyip Er­do­gan um. Die Tür­kei müs­se als Part­ner und als Brü­cke zum Orient be­wahrt wer­den, so Braun. Doch um sie nä­her an die Eu­ro­päi­sche Uni­on zu bin­den, brau­che es ein ge­mein­sa­mes Rechts­ver­ständ­nis – was der­zeit je­doch nicht in al­len Be­rei­chen der Fall sei, wie zum Bei­spiel im Fal­le des in­haf­tier­ten deutsch-tür­ki­schen Jour­na­lis­ten De­niz Yü­cel. Ein Dis­kuss­ions­teil­neh­mer be­klag­te, dass hier mit zwei­er­lei Maß ge­mes­sen wer­den wür­de. Für den seit Ja­nu­ar in den USA in­haf­tier­ten Volks­wa­gen-Ma­na­ger Oli­ver Schmidt in­te­res­sie­re sich „nie­mand“, ob­wohl ihm durch die An­kla­ge im Ab­gas­be­trug ei­ne ho­he Hafts­tra­fe dro­he. Braun ver­wies je­doch da­rauf, dass auch Schmidt „mit 100-pro­zen­ti­ger Si­cher­heit“ kon­su­la­risch be­treut wer­de. Ein Mit­glied der Jun­gen Uni­on woll­te von Braun wis­sen, wie die Par­tei­en der Mit­te mit der Her­aus­for­de­rung durch die po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en um­ge­hen. „Die AfD spielt mit den Ängs­ten und Ent­täu­schun­gen der Men­schen“, er­klär­te der Staats­mi­nis­ter. „Wenn der Ein­druck ent­steht, dass die eta­blier­ten Par­tei­en die Si­cher­heit nicht ge­währ­leis­ten kön­nen, dann wäh­len die Leu­te AfD.“ Es sei da­her wich­tig, die Äng­ste der Bür­ger ernst zu neh­men und Pro­ble­me zu be­sei­ti­gen. Das Si­cher­heits­ge­fühl der Deut­schen ha­be seit dem Jahr 2000 ab­ge­nom­men. Zum ei­nen durch den in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus, aber auch we­gen der Zu­nah­me or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät. Das The­ma in­ne­re Si­cher­heit sei „ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal für die CDU“ so Braun, denn „egal ob FDP oder Grü­ne – sie sind ge­gen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, weil sie Angst ha­ben, dass da­durch Bürg­er­rech­te be­schnit­ten wer­den“. Die um­strit­te­ne Vor­rats­da­ten­spei­che­rung sei je­doch wich­tig, um die in­ne­re Si­cher­heit zu ge­währ­leis­ten und Tä­ter und Ge­fähr­der zu er­ken­nen. „Wer ei­nen Staat ha­ben will, der Si­cher­heit ga­ran­tiert, der muss CDU wäh­len“, warb der Staats­mi­nis­ter. Doch auch wenn es ge­län­ge, der Par­tei die­se The­men zu neh­men, glaubt Braun nicht, dass die AfD aus der deut­schen Par­tei­en­land­schaft wie­der ver­schwin­den wer­de. Denn sie ha­be es ge­schafft, Nicht­wäh­ler zu Wäh­lern zu ma­chen.
Auch die In­teg­ra­ti­on blei­be wei­ter­hin ein wich­ti­ges The­ma, sag­te Ya­sar Bil­gin. Die Auf­nah­me der Ge­flüch­te­ten sei „ei­ne Her­aus­for­de­rung für al­le Tei­le der Ge­sell­schaft“ ge­we­sen. In­teg­ra­ti­on brau­che je­doch Zeit, so Braun. Mit dem vor ei­nem Jahr in Kraft ge­tre­te­nen In­teg­ra­ti­ons­ge­setz ha­be man je­doch ei­nen wich­ti­gen Schritt ge­macht. Zu­vor sei un­klar ge­we­sen, was ge­nau an In­teg­ra­ti­on er­war­tet wer­de. Doch wer die ge­nann­ten Kri­te­rien er­fül­le, kön­ne im Land blei­ben und ge­ge­be­nen­falls lang­fri­stig die deut­sche Staats­bür­ger­schaft er­lan­gen. Und wie will die CDU Chan­ceng­leich­heit ge­wäh­ren, wenn ein Mig­ra­ti­ons­hin­ter­grund bei der Job­su­che ein Nach­teil sein kann? „Das Pro­blem wird sich über die Nach­fra­ge von selbst lö­sen“, zeig­te sich Braun an­ge­sichts des Fach­kräf­te­man­gels über­zeugt.

Gießener Anzeiger

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