Zur Neuaufstellung des Regionalplanes in der Umsetzung des Landesentwicklungsplanes 2020:

„Head-line“ in einer Giessener Tageszeitung- und im Übrigen auch der Wetterauer Zeitung: „Immer voller“- und dann:
„Mehr als 800 Millionen Fahrten verzeichnete der RMV im vergangenen Jahr in den Bussen und Bahnen. Es wird immer voller.“
Und weiter im Untertitel: “Überlastetes Schienennetz ächzt unter dem Ansturm“, und weiterhin: „ Mit dem ausgeweiteten Angebot durch längere und öfter fahrende S- Bahnen behindert sich der Regional-, Fern- und Güterverkehr auf gemeinsam genutzten Strecken zudem häufig gegenseitig. Gleichzeitig nutzen immer mehr Menschen in der Region den öffentlichen Nahverkehr.“
Müssen sie auch, können wir hinzufügen, die Autobahnen zum Ballungsraum und die Fernstraßen in die Oberzentren sind auch alle schon lange verstopft.
Nicht zu jeder Zeit, sondern vor allem morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Nach- Hause- Weg.
Nicht erst künftig droht die Balance zwischen Stadt und Land verloren zu gehen. Die Balance ist schon lange verloren, und das ist nicht nur an der Überlastung oder gar am Stillstand der Verkehrssysteme ablesbar.
Öffentlicher wie Individual- Verkehr kollabieren, weil die Wege zwischen Wohnort und Arbeitsstätte für zu viele zu weit geworden sind.

II) Der CO2- Fußabdruck eines durchschnittlichen Bundesbürgers pro Jahr ist über 2 Tonnen schwer- alleine im Bereich Verkehr. Bei einer Umfrage von Insa geben 64 % der Befragten an, Klimaschutz sei ihnen persönlich absolut wichtig, bzw. sehr wichtig ( also knapp 2/3 der Befragten), weitere 25 % zumindest „eher wichtig“ / d.h. hier zusammen: 89 %)
Laut Umweltbundesamt emittieren wir pro Kopf und Jahr fast das 3-fache des globalen Durchschnitts am Treibhausgas („CO2- Äquivalent“). „Wer seinen Mittelklasse- Pkw im Jahr 12.000 Kilometer weniger Strecke machen lässt, bläst rund zwei Tonnen weniger CO2 in die Atmosphäre.“

Jede Mobilität, auch auf dem Weg zur Arbeit, heißt Energieverbrauch, und jede unnötige bedeutet Energieverschwendung.

III) Die Menschen in den Ballungsräumen und Zentren selbst spüren mehr und mehr, dass die Lebensqualität vor allem in elementaren Bereichen wie Wohnen, Freizeit und Erholung dramatisch abnimmt. Die Feinstaub- und CO2- Belastung überschreitet regelmäßig gesetzliche Höchstwerte, ganze Straßenzüge und Stadtbereiche werden für den Verkehr gesperrt, es werden „Intensivstädte“ benannt, die Europäische Union hat Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) verklagt, weil die Grenzwerte nicht eingehalten werden. Die Überhitzung in den Innenstädten führt dazu, dass der Energieverbrauch für Kühlung im Sommer höher ist als für die Heizung im Winter.
Ein Wohnen in den größeren Zentren ist für die allermeisten nicht mehr möglich, weil die Mietpreise unerschwinglich geworden sind.
Im Grunde bereits absurd sind Vorstellungen, zusätzlichen Wohnraum, Alteneinrichtungen oder Kindertagesstätten aus Platzersparnisgründen auf Parkdecks oder Gewerbebauten zu errichten.
Zusätzliche Arbeitsplätze aber gehören doch nicht dahin, wo die Belastungsgrenzen für die Menschen schon jetzt erreicht und vielfach überschritten sind. Arbeiten muss man auch an anderer Stelle können.

IV) Unsere Region Mittelhessen zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie neben einer in weiten Teilen intakten Naturlandschaft (z.B. Naturparke Taunus und Vogelsberg, das Lahntal, das Hinterland u.a.) eben auch über eine hervorragende Verkehrsanbindung verfügt.
Und doch: viele unserer Orte, auch mit guter Infrastruktur, laufen Gefahr, zu reinen Schlafstätten zu werden.
Der ländliche Raum, dazu gehören immerhin 70% der Kommunen in Hessen, gerät zunehmend in Gefahr, wenn vor allem die Jüngeren abwandern, Kindergärten und Schulstandorte schließen. Auch dadurch,
dass die ja doch vorhandene Infrastruktur- von Trinkwasserversorgung bis zur Abwasserentsorgung- immer teurer werden muss, wenn immer weniger sie mitfinanzieren.
Der Schlüssel für den Verbleib der Menschen ist die Bereitstellung von Arbeitsplätzen in zumutbarer Entfernung.
Und das bedeutet, die Arbeitsplätze zu den Menschen zu bringen.
Gewerbe und Industrie, die die Nähe zum Flughafen benötigen, werden im Ballungsraum bleiben. Gewerbe, das die Nähe zu den Hochschulen oder den Kliniken benötigt, wird Giessen oder Marburg favorisieren.

Und die Zulieferer von Leitz werden den Gewerbepark in Wetzlar suchen. Aber: ein Postverteilzentrum darf, wie ein Autozulieferer eben auch an die A5, die A45 oder z.B. natürlich auch an die B49.
Eben dahin, wo die Menschen, die Arbeits- und Fachkräfte, wohnen.

V) Elementare Bedingung und Voraussetzung dafür, einer wirklichen Balance wieder nahe zu kommen oder sie zu erreichen-diese Balance- , ist eine Beschlussfassung dieser Regionalversammlung. Sie, wir gemeinsam müssen dafür die Schaffung von Arbeitsplätzen, auch in größerem Maßstab, wieder zulassen dort, wo die Menschen wohnen, jedenfalls in größerer Nähe. Nicht nur zulassen, sondern darüber hinaus auch fördern.
Das ist nicht in 1. Linie im Interesse der Industrie, der Transportwirtschaft oder einzelnen gesellschaftlichen Gruppen, es ist eine zentrale politische Aufgabe, es ist ein öffentliches Anliegen. Und im Kern genau das, was eine Behörde und ein Gremium zu lösen haben, die mit Regionalplanung beauftragt und beschäftigt sind:
eine sinnvolle ökonomische wie ökologische Verknüpfung zwischen Wohnen und Arbeiten herzustellen. Ich rede hier von arbeiten, von Gewerbe und Industrie, ich rede nicht von Outlet und Logistik, das mag zweitrangig sein. Es geht darum, Wege zu verkürzen, die Menschen nur belästigen, ihre Zeit sinnlos verschwenden und die Umwelt verschmutzen. Es geht also auch um Energieeffizienz und Klimaschutz.
Es geht in der Lösung um Orte an Verkehrsachsen und -adern, die näher an den Wohnorten liegen und die auch unter Aspekten der Landwirtschaft und Ökologie zur Verfügung stehen. Ein vernünftiger Kriterienkatalog ist hier ebenso denkbar wie auch bei anderen Vorranggebieten.
Und daher halte ich eine Öffnung und Förderung von wohnortnahen Gewerbeflächen und damit Arbeitsplätzen für sinnvoll,
eben wegen der Balance von Land und Stadt, von Stadt und Land.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag